FairOddsFootball

Analyse

Wie gross ist der Heimvorteil im Fussball wirklich?

Der Heimvorteil ist messbar — aber kleiner geworden. Was die Zahlen zeigen, und warum die Geisterspiele der Pandemie eine seltene Gelegenheit boten.

Montag, 17. August 2026 · 6 Minuten Lesezeit

Dass Mannschaften zu Hause besser spielen, gilt als selbstverständlich. Interessant wird es, wenn man fragt: wie viel besser — und warum.

Was die Zahlen zeigen

Über die grossen europäischen Ligen hinweg gewinnt die Heimmannschaft etwa 43 bis 46 Prozent der Spiele, die Gastmannschaft 28 bis 32 Prozent. Der Rest endet unentschieden.

In Toren ausgedrückt: Heimmannschaften erzielen rund 0,3 bis 0,4 Tore mehr pro Spiel. Das klingt wenig, verschiebt aber die Wahrscheinlichkeiten deutlich — bei einem Sport mit durchschnittlich 2,7 Toren pro Partie ist ein Drittel Tor viel.

Der Vorteil schrumpft

Vergleicht man Jahrzehnte, zeigt sich ein klarer Trend. In den 1970er-Jahren gewannen Heimmannschaften in England über 60 Prozent der Spiele. Heute sind es gut 45.

Erklärungsversuche gibt es mehrere: bessere Reisebedingungen, professionellere Vorbereitung, einheitlichere Platzverhältnisse, mehr Videoanalyse. Keine dieser Erklärungen lässt sich sauber isolieren.

Die Geisterspiele als Experiment

2020 und 2021 fanden über tausend Spiele ohne Zuschauer statt. Für die Forschung war das eine Gelegenheit, wie sie sich sonst nie ergibt: dieselben Mannschaften, dieselben Stadien, nur ohne Publikum.

Das Ergebnis war eindeutig — der Heimvorteil schrumpfte deutlich, verschwand aber nicht. Je nach Liga sank er um ein Drittel bis die Hälfte.

Besonders auffällig war die Veränderung bei den Schiedsrichtern: Ohne Publikum verteilten sie deutlich ausgeglichener Karten. Vorher bekamen Gastmannschaften messbar mehr. Das legt nahe, dass ein Teil des Heimvorteils schlicht darin bestand, dass Schiedsrichter dem Druck der Zuschauer nachgaben — vermutlich unbewusst.

Was den Heimvorteil ausmacht

Nach heutigem Stand tragen mehrere Dinge bei:

Was sich nicht gut belegen lässt, ist der oft genannte "Push durch die Fans" als eigenständiger Faktor. Der messbare Effekt läuft grösstenteils über den Schiedsrichter.

Wo der Vorteil grösser ist

Der Heimvorteil schwankt erheblich. Er ist grösser bei weiten Anreisen, in Ligen mit grosser geografischer Ausdehnung, bei ungewöhnlichen Platzverhältnissen und in Stadien mit besonders enger Zuschauernähe.

Kleiner ist er bei Derbys in derselben Stadt — beide Mannschaften kennen das Umfeld, und das Publikum ist geteilt.

Kurz gefasst: Der Heimvorteil liegt heute bei rund 0,3 bis 0,4 Toren pro Spiel und ist über die Jahrzehnte deutlich geschrumpft. Die Geisterspiele zeigten, dass ein grosser Teil über Schiedsrichterentscheidungen läuft.

In unserem Modell steckt der Heimvorteil bereits in der Ligabasis — wir rechnen ihn nicht zusätzlich obendrauf, sondern verwenden für Heim und Auswärts getrennte Durchschnittswerte.


Weitere Artikel

Zu den Prognosen von heute →